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UEFA: „Em heiteres Turnnier...“

AUS DER UKRAINE BERICHTET HANS-GÜNTER KLEMM

Kurz vor der EURO 2012 verschärft der Terror in der Ukraine die ohnehin schon heikle Lage.

Als der Koffer am Gepäckband auf dem Frankfurter Flughafen auf sich warten ließ, der Schock. Ein Anruf und die schlimme Botschaft: Bomben in der Ukraine. Wo ich noch vor drei Stunden war. Die Anschläge fanden statt, als sich in Kiew der Weiterflug verzögerte. Am Morgen war Charkow der Ausgangspunkt der Heimreise. Charkow, etwa 200 Kilometer südlich von Dnipropetrowsk, wo die Sprengsätze hochgingen.

Glück gehabt! So der erste Gedanke. Es hätte auch in der EURO-Stadt oder auf dem Internaüonalen Airport in der Hauptstadt gebombt werden können. Ende einer nicht alltäglichen Dienstreise. Fünf Tage in der Ukraine, eine Inspektionsreise ins EM-Gastgeberland, eine Reise ins Reich der großen Unbekannten. Treffen mit offiziellen Stellen, mit Behörden und Vertretern des Organisationskomitees, aber auch Gelegen¬heit, sich bei Repräsentanten gesellschaftlicher Gruppen wie dem Tierschutzbund und der Ökologiebewegung zu informieren.

Kontraste natürlich beim Einblick in ein au¬toritär regiertes Land. Wirtschaftskrise, soziale Ungleichheit, am schlimmsten die überall grassierende Korruption. Eine instabile Lage vor den Wahlen im Herbst, insofern eine explosive Stimmung, charakterisiert durch den ewigen Streit zwischen Präsident Viktor Janukowitsch und der indes zerstrittenen Front der Opposition. Doch spürbar war diese allumfassende Krise nicht. Keine Demonstrationen, keine Proteste, nirgendwo ein Gefühl des Unwohlseins oder gar der Unsicherheit. Der Eindruck: Die Ukraine ist gut vorbereitet auf die EM. Vorfreude bei den Menschen, nicht nur den Fans.

Und nun der Knall durch die Bomben am Dnipro. Beklemmung und Angst vor Terror-Anschlägen. Ängste, die bleiben werden. Wie 2006 beim deutschen Sommermärchen, wie zuletzt vor der WM in Südafrika. Vor Gewalt ist kein Großereignis gefeit, es gibt kein Patentrezept.

Erste Aufrufe zum Boykott, vor allem aus der Politik. Von einem "politischen Boykott" spricht Bundeskanzlerin Angela Merkel. Minister sollen nicht zur EM. Schon vor den Anschlägen hatte Bundespräsident Joachim Gauck ein Treffen abgesagt, so den Fokus auf die Menschenrechte gerichtet: Julia Timoschenko, Kultfigur der Orangenen Revolution, in Haft und im Hungerstreik. Foltermethoden einer Rachejustiz, so heißt es. Gegen einen Boykott spricht sich ein prominenter Ukrainer aus. „Die Menschen" sagt Vitali Klitschko, „hätten es nicht verdient, wenn sie jetzt international isoliert würden." In einer Stellungnahme sprach die UEFA den Veranstaltern das Vertrauen aus. Ein „heiteres Turnier ohne Zwischenfälle", so ein Sprecher, sei durch die Sicherheitsmaßnahmen gewährleistet. Überlegungen, Deutschland eventuell als Ersatzstandort zu aktivieren, die am Wochenende Franz Beckenbauer aus seiner Zeit als FIFA-Funktionär bestätigte, werden aktuell nicht verfolgt. Der „Kaiser" bedauerte, dass die Politik eingreifen müsse: „Leider ist die Situation zu sehr eskaliert."

Hier Sport, dort Politik. Die einstige Trennlinie wird nicht mehr akzeptiert. Zum Glück. Menschenrechtsverletzungen und gewisse Regierungsformen, betonte Günter Netzer, Verwaltungsrat des weltweit größten Fußballrechte-Vermarkters Infront, müssten den Sport interessieren. Im Spiegel schließt sich Uli Hoeneß an: „Ich hoffe sehr, dass Michel Platini an den richtigen Stellen deutlich seine Meinung sagt." Zudem appellierte der Bayern-Präsident an den DFB und die Nationalspieler. Sie sollten Solidarität mit den Regimekritikern bekunden und die inakzeptablen Haftbedingungen von Frau Timoschenko thematisieren.

Nun Bomben-Terror in der Ukraine. „Ein Angriff auf unser Land" droht Machthaber Januko¬witsch Vergeltung an. „Wir werden die richtige Antwort geben." Die Täter sind noch nicht ermit¬telt. Gerüchten zufolge wird auch der Geheimdienst verdächtigt. Terror durch die Staatsmacht, die sich im Ränkespiel Vorteile erhofft. Die Ukraine 2012 - ein Land voller Rätsel, die bis zum EM-Start kaum gelöst sein dürften.

Seit 1990 besteht die Städtepartnerschaft zwischen Nürnberg und dem ukrainischen Charkow. Und beim jüngsten Besuch einer fränkischen Delegation, angeführt von Slawistik-Professor Diether Götz (67), am EM-Ort rückte der Fußball in den Mittelpunkt. Christoph Zitzmann (36), Repräsentant der vom Andrer unterstützten Deutschen Akade¬mie für Fußball-Kultur, vergrub im Metalist-Stadion sogar eigens einen Glücks-Cent. Ob dessen Wirkung bis zum Duell Deutschland gegen Holland am 13. Juni anhält?

 

kicker, 30. April 2012

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