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Im ukrainischen Charkiw leben über 200 000 Binnenflüchtlinge aus Donbass

Zimmer in Containerdorf für viele nur ein Traum

Von Ella Schindler

CHARKIW — Seit Donezk und Luhansk im Osten der Ukraine im Frühjahr 2014 zu einem Kriegsschauplatz wurden, sind von dort über eine Million Ukrainer geflohen. Keine andere ukrainische Stadt hat dabei so viele Binnenflüchtlinge aufgenommen wie Charkiw. Mehr als 200 000 Menschen fanden dort Zuflucht. Immer wieder kommen neue hinzu. Dabei ist der Start ins neue Leben für Binnenflüchtlinge in der Eineinhalb-Millionen-Stadt alles andere als leicht.

Glück ist relativ, das weiß Dascha Borschova seit etwa anderthalb Jahren. Als damals in Luhansk die ersten Schüsse fielen, floh die damals hochschwangere 20-Jährige mit ihrer Mutter und dem jüngeren Bruder nach Charkiw, das etwa 200 Kilometer von ihrer Heimatstadt entfernt liegt. Sie träumt immer wieder von ihrem Haus, das sie Hals über Kopf verlassen musste, gibt die gelernte Floristin zu: „Ich würde gerne in meine Heimatstadt zurückkehren, wieder in unserem Haus wohnen, arbeiten. Ein normales Leben führen. Doch das gibt es dort für mich im Moment nicht."
Die junge Frau zählt sich dennoch zu den Glücklichen: „Zuerst haben wir in Charkiw zur Miete gewohnt, konnten diese aber kaum aufbringen. Nach drei Ablehnungen haben wir vor zwei Monaten zum Glück ein Zimmer im Mobilstädtchen bekommen." Das Mobilstädtchen, wie die Charkiwer die von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit gebaute Containersiedlung nennen, ist etwas Besonderes: Dort müssen die Binnenflüchtlinge keine Miete zahlen, sondern nur Nebenkosten. Nur etwa 400 Binnenflüchtlinge haben dort Platz. Dabei flohen offiziellen Angaben zufolge an die 200 000 Menschen aus den Regionen Donezk und Luhansk nach Charkiw und in die Umgebung.
Über eine Million Menschen haben in den vergangenen eineinhalb Jahren die umkämpfte Region verlassen. Manche versuchen in Russland und anderen Ländern den Neuanfang, die meisten jedoch bleiben im eigenen Land. In jedem der 24 Gebiete der Ukraine gibt es Binnenflüchtlinge.
Kein Gebiet außerhalb von Donezk und Luhansk hat aber so viele Binnenflüchtlinge aufgenommen wie die Stadt Charkiw, die eine Städtepartnerschaft mit Nürnberg verbindet. Während junge Menschen vor allem in die Zentral- und Westukraine gingen, waren es eher ältere Menschen, die es nach Charkiw zog. Die genaue Anzahl der Binnenflüchtlinge kann nur geschätzt werden. Wer in der Lage ist, in Eigenregie eine Arbeit und eine Wohnung zu finden, lässt die Registrierung als Binnenflüchtling auch mal bleiben.
Der Konflikt in Donbass traf Charkiw mit voller Wucht. Von heute auf morgen mussten neue Strukturen und Unterstützungsmöglichkeiten für Zwangsumsiedler, wie in der Ukraine Binnenflüchtlinge bezeichnet werden, geschaffen werden. Gerade am Anfang sind viele bei Verwandten untergekommen. Für andere wurden Ferienlager zur provisorischen Bleibe.
Aber die staatliche und städtische Unterstützung für Binnenflüchtlinge ist sehr begrenzt. Die Betroffenen haben zwar das Recht auf einen Mietzuschuss, aber dieser beträgt nur ein Drittel der Miete für eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Charkiw. „Viele Familien schließen sich deswegen zusammen und mieten gemeinsam eine Wohnung", erzählt Valerii Zadorenko. Der Sozialarbeiter betreut Binnenflüchtlinge und kennt die Probleme: „Die Menschen brauchen Hilfe, aber der Staat tut ganz wenig für sie."
Diese Aufgabe haben fast komplett Ehrenamtliche und Nichtregierungsorganisationen übernommen." So auch der Soziale Hilfsdienst, für den Zadorenko arbeitet. Mit Unterstützung der Caritas Österreich und Tschechien sowie durch den Partnerschaftsverein Charkiw-Nürnberg bietet die Charkiwer Organisation den Zwangsumsiedlern juristische und psychologische Beratung. Lebensmittelpakete und Versorgung der Kinder mit Kleidung und Schulsachen gehören ebenfalls zu den Hilfen, die der Sozialdienst bietet. „Bei uns ist alles so teuer. So kann die Einschulung eines Kindes zu einer fast unlösbaren Aufgabe für die Zwangsumsiedler werden", sagt der Sozialarbeiter.
Auch für Schwangere ist es schwer, Kleidung und Windeln für ihre Neugeborenen zu beschaffen. Viele Betroffene erhielten Hilfe durch die Stadt Nürnberg. „Es ist ein Problem für die Krankenhäuser dort, diese Menschen mit elementaren Dingen zu versorgen. Wir sind Partner von Charkiw und unterstützen diese Stadt und die Menschen dort", sagt Silvie Preußer vom Amt für Internationale Beziehungen der Stadt Nürnberg. Durch den Spendenaufruf von Nürnberg kamen über 10 000 Euro zusammen.
Eine bezahlbare Wohnung und eine Arbeit zu finden, sind jedoch die größten Hürden für die Binnenflüchtlinge. Aber es gibt auch kleine Lichtblicke am Horizont, sagt Sadorenko: „Am Anfang wollten nur wenige Charkiwer Firmen Binnenflüchtlinge einstellen. Aber jetzt werden es immer mehr." Zadorenko weiß aber, dass ihm selbst die Arbeit noch lange nicht ausgehen wird: „Von der Normalität sind viele Menschen aus Donbass noch weit entfernt." Auch jetzt melden sich immer wieder neue Binnenflüchtlinge beim Sozialdienst und hoffen auf Unterstützung.

10.12.15, NZ

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