Sozialprojekte in Charkiw erscheinen nötiger denn je

Ukraine: Inflation trifft Rentner, Kranke und Kinder besonders hart - Partnerschaftsverein leistet kontinuierliche Hilfe

Das Land stand in der aktuellen Finanzkrise kurz vor dem Bankrott, der Druck vom großen Nachbarn Russland wächst, und von Impulsen durch die Fußball-EM 2012 ist auch noch nichts zu spüren: In der Ukraine hat sich die Lebenssituation für weite Teile der Bevölkerung deutlich verschärft. Der Partnerschaftsverein Charkiw-Nürnberg will daher sein Engagement noch verstärken.

"Nicht nur, wer seinen Arbeitsplatz verliert, hat enorme Probleme", fasst Antje Rempe, die stellvertretende Vereinsvorsitzende, die Eindrücke von ihren jüngsten Besuchen und Gesprächen zusammen, "anderen werden die Gehälter nicht ausbezahlt, oder Banken verweigern die Auszahlung der persönlichen Ersparnisse". Und die Inflation liegt bei 20 Prozent. Erst Mitte November wurde in zentral versorgten Wohnblocks die Heizung aufgedreht; wegen der städtischen Verschuldung drohen Abschaltungen selbst mitten im Winter. Zudem blockieren sich Parteien und Politiker gegenseitig - für die Nöte von Rentnern, Kranken und Kindern fühlen sie sich nicht zuständig. "Ein tägliches warmes Essen und medizinische Grundversorgung sind für viele Menschen in der Ukraine nicht selbstverständlich", betont auch Bernd Rödl, Chef der bekannten Unternehmensberatung und Vorsitzender des Partnerschaftsvereins.

Umso wichtiger sind Projekte wie eine Armenküche im Stadtteil Kominternovskij, wo zuletzt regelmäßig 150 Besucher verpflegt wurden. Monatlich 1300 Euro kamen als Zuschuss aus Nürnberg, dabei musste der Preis für eine Portion von gut 50 auf 80 Cent erhöht und die Zahl der Ausgabetage reduziert werden. Ebenfalls seit Jahren kümmern sich die Nürnberger um die Versorgung von tuberkulosekranken Kindern in der Gebietskinderklinik.

Neben Heilnahrung und Medikamenten konnte in diesem Jahr - dank einer größeren Privatspende - ein Gerät zur Lungenfunktionsprüfung beschafft werden. Auch die Berufsschule B 8 und die BR-Aktion "Sternstunden" beteiligten sich maßgeblich.

"Geräte, die bei uns zum Standard gehören, sind dort Mangelware", betont Rempe. Um die Nürnberger Kräfte zu bündeln, fördert der Partnerschaftsverein inzwischen auch die von Kirchen getragene ökumenische Sozialstation, die mehr als 100 ältere und unheilbar kranke Bürger betreut. Insgesamt konnten von Nürnberg aus in diesem Jahr rund 60 000 Euro in Charkiw investiert werden. Dreh- und Angelpunkt der Aktivitäten ist dabei das "Nürnberger Haus", das sich vor allem mit hervorragenden Deutschkursen und attraktiven Kulturangeboten einen ausgezeichneten Ruf erworben hat, wie sich zuletzt im September bei Deutschen Kulturtagen in Charkiw bestätigte.

Statt der bisherigen Unterstützung eines nun zu teuer gewordenen Ferienlagers ("Grüner Hügel") will der Partnerschaftsverein künftig ein nichtstaatliches Kinderheim fördern, das 40 Sozialwaisen ein Zuhause bietet und für weitere 100 Kinder ambulant Kreativ- und Bildungsangebote bereit hält. Endlich soll schließlich ein langgehegter Wunsch in Erfüllung gehen - eine Jugendbegegnung in Charkiw, idealerweise zu einem Thema aus dem Umwelt- und Klimaschutz.

Von einer Aufnahme des Landes in die Nato können Rödl und Rempe derzeit nur abraten, zumal es dafür auch in der Bevölkerung keine Mehrheit gebe. Ungebrochen sei dagegen, so Rödl, wegen günstiger Produktionskosten, guter Erreichbarkeit und der vergleichsweise guten Qualifikation von Arbeitskräften die Investitionsbereitschaft deutscher Unternehmen in der Ukraine. Sie beschert dort auch Rödl einen Boom. woh

Für die Sozialprojekte bittet der Partnerschaftsverein um Spenden auf das Konto 13 500 58, Spk. Nürnberg (BLZ 760 501 01).
5.12.2008
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