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Widerstand gegen Kahlschlag in Charkiv

Deutsch-ukrainische Jugendbegegnung dreht sich um Umweltschutz


Geschäftiges Treiben im Garten der Landesgeschäftsstelle des Bund Naturschutz (BN): Neben dem Haus basteln zwei Männer Plakatständer für das anstehende Reichswaldfest. Das ist nichts Außergewöhnliches. Aber aus dem Pavillon, etwas weiter hinten im Garten, dringen russische Gesprächsfetzen. Das ist weniger typisch. Ein Blick in den Pavillon zeigt zirca zwölf Jugendliche, einige mit Laptop auf dem Schoß, die angeregt diskutieren.




Jugendliche aus Nürnberg und Charkiv recherchieren beim Bund Naturschutz. Foto: Roland Fengler

Geschäftiges Treiben im Garten der Landesgeschäftsstelle des Bund Naturschutz (BN): Neben dem Haus basteln zwei Männer Plakatständer für das anstehende Reichswaldfest. Das ist nichts Außergewöhnliches. Aber aus dem Pavillon, etwas weiter hinten im Garten, dringen russische Gesprächsfetzen. Das ist weniger typisch. Ein Blick in den Pavillon zeigt zirca zwölf Jugendliche, einige mit Laptop auf dem Schoß, die angeregt diskutieren.



Für die deutsch-ukrainische Jugendbegegnung sind zehn Jugendliche aus der Partnerstadt Charkiv nach Nürnberg gereist. Zehn Tage lang setzen sie sich mit Umweltfragen auseinander. Zu ihrem Programm gehören unter anderem Vorträge zu Umweltthemen, der Besuch einer Solaranlage und Diskussionen mit Vertretern der Stadt. Darüber hinaus arbeiten sie zusammen mit deutschen Jugendlichen an drei kleinen Umweltprojekten. "Die Jugendlichen sollen nicht nur konsumieren, sondern auch aktiv werden", betont Ella Schindler, eine der Organisatorinnen vom Partnerschaftsverein Charkiv-Nürnberg.

 



Mit grünen Bändchen setzen sich Bürger in Charkiv für den Erhalt ihrer Grünanlagen ein. Foto: Roland Fengler

Bürger kämpfen für den Gorki-Park

Vor dem Pavillon steht eine Flip-Chart im Gras, auf dem Plakat prangt in großen Lettern die Gegenüberstellung "Colleggarten - Gorki Park". Auf einer Bierbank daneben ordnet Varvara grüne Bändchen. Die 23-Jährige vergleicht in ihrer Arbeitsgruppe zwei Umwelt-Konflikte, die sich sehr ähneln: Der Charkiver Gorki Park war im Mai Schauplatz von massiven Protesten. Hintergrund: Der Bau einer Straße durch den 130 Hektar großen Park - ohne öffentliche Anhörung, ohne Umweltgutachten und auf einer fadenscheinigen rechtlichen Grundlage. Charkiver Bürger, die die Abholzungen verhindern wollten, wurden gewaltsam vertrieben.

Die grünen Bändchen, die Varvara gerade vorbereitet, sind nach den Vorfällen im Gorki Park ein populäres Zeichen in Charkiv. "Jeder, der so ein Bändchen trägt, signalisiert, dass er den Schutz der Grünflächen in Charkiv unterstützt", sagt Varvara. "Man sieht die Bändchen überall in der Stadt - an Fahrrädern, Taschen und Handgelenken. Manche Mädchen flechten sie sogar ins Haar." Aus dem Gartenpavillon kommt der 29-jährige Oleksii dazu. "Die ganze Stadt ist im Aufruhr", erzählt er. An den Protesten seien junge Leute ebenso beteiligt wie alte Menschen, Familien und Politiker.

In Nürnberg gab es einen ähnlichen Konflikt um den Colleggarten am Friedrich-Ebert-Platz. Hundert Bäume sollten hier im Frühjahr 2009 wegen Pilzbefall gefällt werden. Für den kleinen Park wäre das ein Kahlschlag gewesen; viele Anwohner und der Bund Naturschutz leisteten Widerstand.

Auch wenn die Positionen hier ähnlich hart aufeinandertrafen wie in Charkiv, kam es zu keinen gewalttätigen Auseinandersetzungen. Die Stadt kam den Interessen der besorgten Bürger entgegen und man einigte sich schließlich auf einen Kompromiss: Die Bäume werden jetzt regelmäßig begutachtet und ein Baum wird erst dann gefällt, wenn er eine akute Bedrohung darstellt. Die Verhandlungspartner Andr? Winkel vom BN und Ulrike Goeken-Haidl vom Service Öffentlicher Raum (SÖR) sind sichtlich stolz, dass sie den Konflikt derart demokratisch managen konnten.

Die Unterschiede zwischen beiden Konflikten sind offensichtlich. "Das Verhalten der Bürger in Nürnberg und Charkiv war ähnlich. Aber die Stadtverwaltung hat komplett anders reagiert", fasst Oleksii für seine Arbeitsgruppe zusammen.

Im Pavillon sind die anderen Arbeitsgruppen nicht minder fleißig. Die zweite Gruppe macht eine Untersuchung zum Umweltverhalten von jungen Menschen und sie erstellt einen Orientierungsplan für Umwelterziehung in der Ukraine. "Wir fragen uns, wie man Energie sparen kann und suchen nach einem ökologischen Weg im täglichen Leben", erläutert Vycheslav. Manche Verhaltensweisen, die in Deutschland längst zum Alltag gehören, möchte der 24-Jährige in die Ukraine mitnehmen. "Wir haben zum Beispiel kein Recycling, das ist der Hauptaspekt", sagt er.

Auftritt beim Partnerschaftsfest

Die Mitglieder der dritten Arbeitsgruppe sitzen Schulter an Schulter um einen Laptop herum. Die Gruppe arbeitet an einer Präsentation, in der das Umweltverhalten in Nürnberg und Charkiv gegenüberstellt wird, wie zum Beispiel bei der Müllentsorgung. Gerade ist der Computer abgestürzt und die Gruppe muss die Präsentation neu zusammenbasteln: Schließlich wollen sie das Ergebnis am Samstagabend im Rathaussaal zeigen, auf dem Fest zum 20-jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft Nürnberg-Charkiv.

An der dritten Arbeitsgruppe beteiligen sich auch drei Nürnberger - Schüler aus dem Leistungskurs Russisch am Willstätter Gymnasium. Für sie spielt der Umweltschutz eine zweitrangige Rolle bei dieser Jugendbegegnung, sie suchen in erster Linie den Austausch. Irina möchte zum Beispiel ihre Kenntnisse der russischen Sprache ausprobieren. Und der 18-jährige Michail, der selbst in der Ukraine geboren ist, möchte wissen wie es aktuell in seinem Geburtsland aussieht. Seine Mitschülerin Nadja interessiert dagegen die Konfrontation mit anderen Ländern: "Das muss nicht unbedingt die Ukraine sein," sagt sie. "So eine Konfrontation ist immer ziemlich spannend."

Eike Schamburek
© NÜRNBERGER ZEITUNG
25.06.2010


http://www.nz-online.de/artikel.asp?art=1249443&kat=317&man=4

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