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Fußballfest – aber nicht alle feiern mit

Nürnberger Partnerstadt Charkiv ist Austragungsort der Fußball-EM 2012 - vor 6 Stunden

Nürnberg - Ein runderneuertes Fußballstadion, ein nagelneuer Flughafen, ausgebaute Straßen, gepflegte Grünanlagen und Einkaufsstraßen: Die Nürnberger Partnerstadt Charkiv in der Ostukraine präsentiert sich als vorbildlicher Austragungsort der Fußball-EM 2012. Umwelt- und Sozialverbände üben jedoch Kritik an der Stadtspitze. NZ-Mitarbeiterin Clara Grau hat sich vor Ort umgesehen.

"Die Vorbereitung auf die EM ist momentan ohne Zweifel unsere wichtigste Aufgabe“ stellt Oleksandr Novak, Sekretär des Rates der Stadt Charkiv, die Schwerpunktsetzung seiner regierenden "Partei der Regionen“ klar. Der Politiker, der bei uns mit einem Bürgermeister vergleichbar wäre, schwärmt vom Ausbau des Flughafens, frisch asphaltierten Hauptstraßen und renovierten Häuserfassaden in der Altstadt. Rund 45 Millionen Euro seien in den vergangen drei Jahren investiert worden, so Novak. Etwa die Hälfte habe die Stadt aufgebracht, den Rest hätten der Staat und private Investoren beigesteuert.

So floss zum Beispiel viel Geld aus der Privatschatulle von Unternehmer Oleksandr Jaroslawski in die Stadionsanierung. Ähnlich wie in Nürnberg stammt das Fundament des Stadions aus den 1920er Jahren. Und ähnlich wie vor der WM 2006 in Nürnberg musste viel Geld in die EM-Tauglichkeit investiert werden: Insgesamt 75 Millionen Euro. Fünf Jahre lang wurde die Sportanlage, auf der normalerweise der ukrainische Spitzenclub "Metalist“ auf Torjagd geht, generalsaniert. Über 40.000 überdachte Sitzplätze bietet die Arena. "Wir sind zu 99 Prozent fertig“, sagt Stadionmanager Sergij Volik. Derzeit würden nur noch Kabel und andere technische Ausstattung für die Kamerateams installiert. Das Fußballturnier sieht er als riesige Chance für seine Stadt: "Ohne die EM hätten wir kein neues Stadion, keinen neuen Flughafen und keine neuen Hotels. Aber auch für die Menschen hier ist die EM ein Anstoß, eine Fremdsprache zu lernen und mit den Gästen in Kontakt zu kommen.“

Falls sich die politische Lage nicht weiter zuspitzt, dürften die Charkiver Bürger dazu im Juni Gelegenheit bekommen: 160.000 ausländische Fans erwartet die Stadtverwaltung. Tausende Holländer, deren Nationalmannschaft gleich drei Vorrundenspiele in Charkiv absolviert, hätten sich schon in den Hotels und auf einem extra ausgewiesenen Campingplatz angemeldet, rechnen Sportbürgermeister Oleksandr Popov und sein Organisationschef Oleksandr Netschiporenko vor. Knackpunkt ist die Begegnung Holland–Deutschland am 13. Juni in Charkiv. Über 14.000 Polizisten, 1200 Freiwillige und 500 Sicherheitsmitarbeiter im Stadion sollen für einen reibungslosen Ablauf sorgen. Gerade in Sachen Sicherheit habe man von Nürnberg, das 2006 Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft war, viel lernen können, so Oleksandr Netschiporenko. Bei Besuchen in Nürnberg und Treffen mit der dortigen Polizei und Stadionchef Karlheinz Kubanek habe er wichtige Tipps mitnehmen können. Aber auch für die Organisation der Freiwilligenprogramme und für das Fanfest holte man sich in der Noris Anregungen. Letzteres findet auf dem gigantischen Freiheitsplatz statt. 22 Hektar ist er groß, etwa 17 Fußballfelder würden auf der Fläche Platz finden.

"Die Korruption macht hier fast alles möglich"

Große Pläne hat die Stadt auch für den waldähnlichen Gorki Park: Ein großer Vergnügungspark soll Fans und Einheimische gleichermaßen anlocken. Damit stößt die Verwaltung nicht überall auf Begeisterung. Umweltschutzgruppen kämpfen seit Jahren um den Erhalt des großen Parks und seinen wertvollen Baumbestand. "Dieser Park hat für jeden Charkiver Bürger eine große Bedeutung, ähnlich vielleicht wie der Englische Garten für die Münchner“, sagt Oliksij Wedmidskyj von der Umweltschutzgruppe "Die Grüne Front“. Er und seine Mitstreiter sind erbost, dass reiche Charkiver ohne Baugenehmigung ihre Villen in den Park setzen. Ärger hätten diese nicht zu befürchten. "Die Korruption macht hier fast alles möglich“, meint der 31-Jährige. Hunderte Bürger protestierten in den vergangen beiden Jahren, als die Stadt eine nicht genehmigte und stadtplanerisch fragwürdige Straße durch den Forst baute. Auch ein Friedhof verschwand kurzerhand unter der Asphaltdecke. Mit Schlägertrupps und Drohungen habe man versucht, sie zu vertreiben, berichtet Wedmidskyj. Letztendlich hätten die Bürger den Bau nicht verhindern können.

Ein Kampf gegen die Windmühlen scheint auch Olena Krawtschenko auszutragen. Die Tierschützerin setzt sich für einen respektvollen Umgang mit den unzähligen Straßenhunden ein. Nicht einfach, in einer Stadt, in der es bis zu 30.000 herrenlose und teils aggressive Hunde gibt. "Das Problem gab es schon zu Sowjetzeiten und wurde immer verdrängt“, berichtet Krawtschenko. Die Charkiver Bürger würden Tiere mögen, jedoch könne sich nur ein kleiner Teil der Bevölkerung die Kastration oder Sterilisation seines Vierbeiners leisten. Mit einer "Säuberungsaktion“, bei der laut internationaler Tierschutzorganisationen "Kopfprämien“ auf tote Hunde ausgesetzt wurden, handelte sich Charkiv im Herbst vergangen Jahres internationale Proteste ein: Rund 10.000 herrenlose Hunde, so die Schätzungen der Tierschützerin, seien damals teils auf bestialische Weise umgebracht worden. "Ich schätze, dass die Stadt in drei Jahren etwa eine Million Euro für die Hundetötung ausgibt“, so Krawtschenko.

Sie plädiert dafür, das Geld zu verwenden, um die Tiere zu kastrieren, zu impfen und an tierliebe Familien zu vermitteln. Ein geplantes Tierheim, das 500 Hunde aufnehmen soll, hält sie für eine reine Show-Einrichtung vor dem Fußball-Ereignis. "Ich habe wenig Optimismus für die Zeit nach der EM“, meint sie.

Aber auch Sozialverbände in der Stadt sowie der Partnerschaftsverein Nürnberg-Charkiv, der zahlreiche soziale Projekte vor Ort unterstützt, schlagen Alarm. Staat und Stadt würden schwerpunktmäßig in Infrastruktur investieren. Gelder für soziale Einrichtungen und Gesundheitszentren seien massiv gekürzt worden, so die Kritik. "In einem aktuellen Ranking aller ukrainischen Städte liegt Charkiv bei der wirtschaftlichen Entwicklung im Mittelfeld – bei Bildung und Sozialem aber ganz weit hinten“, warnt zum Beispiel Antje Rempe, stellvertretende Vorsitzende des Partnerschaftsvereins.

Davon will Ratssekretär Oleksandr Novak nichts wissen: "Wir haben wegen der EM auf nichts verzichtet, alles läuft parallel. Wir lösen die sozialen Fragen unabhängig von der EM“, meint er.

Die Reise wurde vom Amt für Internationale Beziehungen der Stadt Nürnberg unterstützt. Ausführliche Berichte über die aus Nürnberg unterstützten sozialen Einrichtungen lesen sie in Kürze in Nürnberg Plus. Informationen zur Tierschutzorganisation in Charkiv gibt es im Internet unter zoohelp.org

Clara Grau

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